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Die Midterm-Wahlen 2026 in den USA. Wendepunkt für die Demokraten.

Dies ist der erste Artikel unserer Serie zu den Midterm-Wahlen 2026 in den USA.
Politikwissenschaftler @BalderGullveig analysiert hier die Probleme und Chancen der Demokraten.

Strategische Ausgangssituation und Handlungsoptionen.

Am 3. November 2026 steht ein Ereignis an, das den politischen Kalender der Vereinigten Staaten maßgeblich prägt: die Midterm-Wahlen, die nicht nur über die Verteilung der Macht in Washington entscheiden, sondern auch als Barometer für die gesellschaftliche Stimmung dienen.

In diesem Wahlzyklus werden etwa ein Drittel der Sitze im Senat, genau 35 an der Zahl, neu vergeben, während sämtliche 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 36 Gouverneursämter zur Wahl stehen – darunter zahlreiche in entscheidenden Swing States wie Pennsylvania, Michigan, Wisconsin oder Arizona, die traditionell das politische Gleichgewicht kippen können.

Historisch gesehen verliert die Partei des amtierenden Präsidenten bei Midterms durchschnittlich rund 28 Sitze im Repräsentantenhaus – ein Muster, das die Republikaner unter Druck setzt und den Demokraten strukturelle Chancen eröffnet.

Diese Wahlen stellen für beide großen Parteien eine erhebliche Herausforderung dar, da sie zu tiefgreifenden Verschiebungen im Machtgefüge führen können: Von der Kontrolle über den Kongress, die für Gesetzgebung und Haushaltsentscheidungen zentral ist, bis hin zu den Gouverneuren, die in den Staaten weitreichende Exekutivgewalt ausüben. Überdies gelten diese Midterms als eine Art programmatischer Testlauf für die kommenden Präsidentschaftswahlen im Jahr 2028, indem sie die Wirksamkeit parteilicher Strategien und Agenden auf den Prüfstand stellen und erste Indikatoren für die langfristige Wählergunst liefern.

Besonders für die Demokratische Partei erweisen sich diese Wahlen als ein hochspannender machtpolitischer Prüfstein, der unmittelbar an die Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen im November 2024 anknüpft. Damals unterlag Kamala Harris Donald Trump in einem knappen Rennen, das sich insbesondere im Popular Vote widerspiegelte, wo Trump mit etwa 1,5 Prozentpunkten Vorsprung obsiegte – ein Ergebnis, das die innerparteilichen Spannungen bei den Demokraten offenlegte, von der mangelnden Mobilisierung der Basis bis hin zu Verlusten bei traditionellen Wählergruppen wie der Working Class und Minderheiten.



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Nun, knapp zwei Jahre später, wird der November 2026 zu einem entscheidenden Moment, in dem die Partei ihre Resilienz unter Beweis stellen muss. Doch die eigentliche Dynamik entfaltet sich bereits in den kommenden Wochen und Monaten:

Die Vorwahlen, die Primaries, die in Staaten wie Texas oder North Carolina bereits im Frühjahr 2026 anlaufen und die Kandidatenauswahl für Senate, House und Gouverneursämter bestimmen, verleihen dem Prozess eine unmittelbare Aktualität. Hier zeichnen sich erste Allianzen ab, erste Kampagnenstrategien werden getestet, und die Debatte über die richtige Ausrichtung der Partei gewinnt an Schärfe – ein Szenario, das die Leserinnen und Leser unweigerlich fesselt, da es nicht nur um ferne Termine im Herbst geht, sondern um die konkrete Gestaltung der politischen Landschaft bereits heute. Können die Demokraten diese Spannungen überwinden? Wie gelingt es ihnen, in Swing States wie Pennsylvania wieder Boden gutzumachen, wo bereits jetzt erste Umfragen auf enge Rennen hindeuten?

Der vorliegende Artikel beleuchtet diese Entwicklungen mit einem Fokus auf die strategische Ausgangsposition der Demokratischen Partei und ihre Handlungsoptionen, strukturiert in einer Abfolge, die zunächst das verlorene Machtzentrum im Weißen Haus und seine Auswirkungen auf innerparteiliche Reformen für eine programmatische Neuausrichtung zum Machterhalt analysiert, bevor er die organisatorischen Besonderheiten der Partei der Demokraten erörtert, insbesondere ihre föderalen und dezentralen Strukturen im Kontrast zu einer zentralen Machtspitze – eine Eigenart, die grundsätzlich auch für die Republikaner gilt, wenngleich diese in ihrer Hierarchie etwas straffer organisiert wirken; diese zentralen Organisationsprinzipien stehen in einem massiven Kontrast zu den Organisationsprinzipien europäischer Parteien, die oft hierarchischer und zentralisierter aufgebaut sind, mit einer starken Weisungsbefugnis der Parteiführung.

Anschließend werden die Handlungsoptionen der Demokraten aufgezeigt, insbesondere im Spannungsfeld der Fokussierung auf progressive versus moderate Themen und Kandidaten, wobei der Ansatz hier primär eine machtpolitische Analyse darstellt, gestützt auf Zahlen und Daten, und weniger eine ideologische Präferenz für eines der Lager zum Ziel hat.

Der Artikel schließt schließlich mit ersten Trends ab, die bereits heute in den parteilichen Diskussionen und Handlungen sichtbar werden, insbesondere bei der Kandidatenauswahl oder Unterstützung für die anstehenden Vorwahlen, und die auf mögliche Entwicklungen bis November 2026 hindeuten.

Die strategische Ausgangssituation für die Demokraten.

Die Demokraten unterlagen in den letzten Jahrzehnten stärkeren umfangreichen Veränderungen als die Republikaner, insbesondere im Hinblick auf mehrere interne und externe Faktoren, die einen anhaltenden Anpassungsprozess erzwingen.

Um diese Veränderungen systematisch zu analysieren, beginnen wir zunächst mit den externen Faktoren, da diese von zentraler Bedeutung für die Partei sind und den Rahmen für interne Dynamiken setzen. Diese externen Drücke verstärken interne Schwächen und machen die Notwendigkeit einer Reform offenkundig. Anschließend ergänzen wir die internen Faktoren, die vor diesem hyper-turbulenten externen Umfeld zu einer gewissen Reaktions- und Steuerungsunfähigkeit der Partei geführt haben, insbesondere durch den Verlust maßgeblicher Köpfe, was ein Führungsvakuum geschaffen hat und das Fehlen prägnanter, lageübergreifend akzeptierter Repräsentanten zur Folge hat.

Ein wesentlicher Teil des zukünftigen Erfolgs der Partei wird darin bestehen, dieses personelle Vakuum in Form von zwei oder drei vergleichsweise jungen Lichtgestalten mit Charisma zu füllen, die heute nur in Ansätzen erkennbar sind – dies ist natürlich für die Wahlen im kommenden November zu spät, aber möglicherweise verbleibt für 2028 noch genügend Zeit.

Die Faktoren sind innerhalb jeder Kategorie nach ihrer Wichtigkeit in aufsteigender Reihenfolge sortiert, beginnend mit den weniger zentralen und endend mit den einflussreichsten.

Externe Faktoren.

Rechtliche und institutionelle Einflüsse.
Rechtliche und institutionelle Einflüsse wirken episodisch, aber dennoch spürbar auf die strategische Position der Partei ein. Entscheidungen des Supreme Court, wie der Umsturz von Roe v. Wade im Jahr 2022 und die Aufhebung von Affirmative Action im Jahr 2023, haben die Partei gezwungen, defensiv zu agieren, da sie traditionelle Kernforderungen wie reproduktive Rechte und Chancengleichheit für Minderheiten untergraben und zu Mobilisierungsverlusten bei jungen Wählern und Frauen geführt haben.

Globale und Krisen-Faktoren.
Globale und Krisen-Faktoren üben einen indirekten, aber zunehmend drängenden Einfluss aus. Der Ukraine-Krieg seit 2022 und die Spannungen mit China haben die Partei in außenpolitische Debatten verwickelt, die interne Spaltungen über Militärhilfe und Handelsabkommen vertiefen – etwa durch Debatten um US-Ausgaben, die 2025 60 Milliarden USD für Ukraine betrugen – während die Klimakrise die Notwendigkeit progressiver Politik unterstreicht, aber moderate Wähler durch wirtschaftliche Belastungen abschreckt.

Wirtschaftliche Faktoren.
Wirtschaftliche Faktoren wirken strukturell und haben zu langfristigen Verlusten in der Working-Class-Basis beigetragen. Die Deindustrialisierung seit den 1990er Jahren hat zu Verlust von Arbeitsplätzen in traditionellen demokratischen Regionen wie dem Rust Belt beschleunigt, wobei der Gini-Koeffizient als Maß für Ungleichheit von 0,428 im Jahr 1990 auf 0,49 im Jahr 2022 anstieg, was Ungleichheit verstärkt und die Partei zu einem stärkeren Fokus auf soziale Programme drängt, aber moderate Wähler in suburbanen Gebieten entfremdet – wie die Inflation von 3,1 Prozent im Jahr 2025 zeigt, die besonders Haushalte mit mittlerem Einkommen belastet.

Medienlandschaft.
Die Medienlandschaft hat sich zu einem täglichen Einflussfaktor entwickelt, der Erwartungen schürt und Risiken birgt. Sender wie MSNBC, die den progressiven Flügel ansprechen, und CNN, die ins liberale Lager reichen, wecken Erwartungen an radikale Positionen, was zu Wählerabwanderung oder Nichtwahl führt, wenn die Partei nicht liefert, insbesondere da die Polarisierung seit den 2000er Jahren durch Cable News und Social Media prägnanter geworden ist.

Ideologisch motivierte Megaspender.
Ideologisch motivierte Megaspender wie George Soros, der 2024 über 125 Millionen USD an Super PACs spendete, und Hansjörg Wyss, der seit 2016 über 245 Millionen USD in liberale Causes investierte, drängen die Partei nach links und formen die Agenda, was eine progressive Ausrichtung forciert und moderate Positionen erschwert.

Partei-externe Organisationen.
Partei-externe Organisationen wie Third Way (moderat), Center for American Progress (progressiv), Brookings Institution (liberal), ACLU (Bürgerrechte) und Planned Parenthood (Reproduktionsrechte) setzen die Agenda durch Reports, Lobbying und Mobilisierung, oft Soros-finanziert, und beeinflussen die Partei von außen.

Veränderungen gesellschaftlicher Wertvorstellungen.
Die Veränderungen gesellschaftlicher Wertvorstellungen haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen, etwa bei der Unterstützung für LGBTQ-Rechte (von 27 % 1996 auf 71 % 2023) und Klimaschutz (von 75 % 2009 auf 85 % unter Demokraten), was Inklusion fordert, aber Spannungen mit konservativen Wählern verursacht.

Demographische Veränderungen.
Am einflussreichsten sind demographische Veränderungen: Der Anteil weißer Wähler sank von etwa 75-80 % in den 1980er/1990er Jahren auf 56 % heute, was Diversifikation erzwingt, aber Verluste in ländlichen Gebieten verursacht und interne Spaltungen vertieft.

Interne Faktoren.

Primary-Reformen.
Die Primary-Reformen von 2018/2020 haben progressive Kandidaten begünstigt und interne Konkurrenz gesteigert, was zu einer Linksrückung in der Kandidatenauswahl führt.

Fraktionskämpfe.
Fraktionskämpfe zwischen dem Progressive Caucus und den New Democrats vertiefen Spaltungen über Themen wie Klimapolitik und Wirtschaftsreform, was die Einheit der Partei untergräbt.

Der Schock 2024.
Der Schock 2024, ein unerwarteter Machtverlust trotz Erwartungen, löste inneren Schock aus und führte zu gegenseitigem Fingerpointing, was die Partei in eine Phase der Selbstreflexion zwang.

Verlust maßgeblicher Köpfe.
Am einflussreichsten ist der Verlust maßgeblicher Köpfe wie Biden (retired 2025), Pelosi (retired 2022), Schumer (unter Druck, 74 Jahre), Clyburn (84 Jahre), Sanders (82 Jahre) und Warren (75 Jahre), was ein Führungsvakuum schafft und die Partei ohne lageübergreifend akzeptierte Repräsentanten lässt.

Zwischenbilanz: Eine zutiefst gespaltene Partei.

Diese Faktoren haben die Partei in eine prekäre Situation manövriert, die zu folgendem Gesamtbild führt: Die Partei, also ihre Programmatik, ihre Ziele und handelnden Personen, repräsentieren nicht oder nicht vollständig den politischen Willen der adressierten Wählerschaft, was zu einer sinkenden Mobilisierungskraft, einer geringeren Bindungsfähigkeit und generell einer sinkenden Attraktivität führt.

Die Progressiven: Sie konzentrieren sich auf wirtschaftliche Umverteilung, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit, oft mit radikalen Reformvorschlägen – allerdings repräsentieren sie nur etwa 11 % der Basis.

Die Liberalen: Sie vertreten mainstream-liberale Positionen zu sozialen und wirtschaftlichen Themen, mit Fokus auf Inklusion und Fortschritt – mit rund 40 % der Wähler die größte Gruppe.

Die Moderaten: Sie agieren pragmatisch-zentristisch und setzen auf Kompromisse mit Republikanern, um breit ansprechend zu bleiben – etwa 33 % der Basis, aber mit hoher Abwanderungsbereitschaft.

Umfragen zur Selbsteinschätzung aktiver Wähler der Demokraten liefern etwa folgendes Bild: 11 % sehen sich als progressive, 40 % als liberal und 33 % als moderat; der fehlende Rest zu 100 % entfällt auf 16 % andere Kategorien wie socialist oder conservative.

Der eigentliche überschaubare Anteil der Progressiven steht in deutlichem Kontrast zu den Repräsentanten beziehungsweise Mandatsträgern der Partei und führt somit auch zu einer Überbetonung progressiver Inhalte. Etwa ein Drittel der demokratischen Gouverneure (8 von 24) gelten als progressive, und ein ähnlicher Wert von etwa 44 % (95 von 214 House-Demokraten im Progressive Caucus) gilt für viele andere Mandatsträger der Demokraten, auch wenn diese nicht im eher progressiven Westen, an der Atlantikküste oder im Norden hiervon leben, sondern in eher ausgeglichenen Bundesstaaten, insbesondere den Swing States. Progressive Kandidaten erhalten etwa 35 % aller Parteispender, insbesondere von Großspenden wie George Soros, also sind sie auch im Hinblick auf die Finanzierung von Kampagnen deutlich stärker aufgestellt als dies ihrem numerischen Anteil entspricht.

Die Partei steht strategisch gesehen derzeit letztlich vor der Frage, eine Anpassung ihrer Programmatik dahingehend vornehmen zu müssen, wo sie mehr Wähler gewinnt als verliert, und die Numerik deutet eindeutig auf eine stärkere Konzentration auf moderate Inhalte hin. Allerdings kann dies nicht abrupt und eindimensional erfolgen, weil ein Verlust von Wählern im progressiven Lager, das insbesondere bei der farbigen Bevölkerung stark zu finden ist, aus Gründen des Machterhalts nur dosiert angegangen werden kann und auch nicht dem Selbstverständnis der Partei, also ihrer ideologischen Ausrichtung auf Minderheiten, entsprechen würde.

Dieses Dilemma bedeutet, dass die Partei das Eine tun muss, ohne das Andere zu lassen, weil ein Verlust an beiden Rändern jede Machtoption von vorneherein obsolet macht.

Einen aktuellen Bezug in diese eher theoretische Betrachtung bringt etwa das Papier des center-left Think Tanks Third Way vom August 2025 mit dem Titel ‚Was It Something I Said?‘, das die Verwendung zahlreicher progressiver Formulierungen – darunter Begriffe wie ‚Latinx‘, ‚defund the police‘ und ‚birthing person‘ – als potenziell abturnend für breite Wählergruppen einstuft und empfiehlt, diese in der öffentlichen Kommunikation weitgehend zu vermeiden, weil sie Spaltungen fördern und moderate sowie unentschlossene Wähler abschrecken können.

Genau diese Frage, nämlich eines zielgerichteten Austarierens, trägt auch bereits heute die Diskussionen vor den Vorwahlen, in denen die etablierte Parteimehrheit versucht, progressive Kandidaten zu verhindern oder diese möglichst erfolgreich herauszufordern. Das Beharren auf dem programmatischen Status quo, also eine Null-Strategie, könnte möglicherweise gerade noch einmal die Wahlen im November diesen Jahres einigermaßen erfolgreich über die Bühne bringen, aber im Hinblick auf 2028 kein erfolgsversprechendes Rezept sein.

Organisatorische Besonderheiten der Demokraten in Zeiten reformatorischer Anstrengungen.

Für einen europäischen Leser, der insbesondere die Parteiorganisationen in Deutschland oder Österreich vor Augen hat, ist es für ein besseres Verständnis wichtig, die dezentrale und föderale Struktur der Partei sich vor Augen zu halten.

Die Demokratische Partei hat keinen Vorstand im europäischen Sinne, der üblicherweise gleichzeitig eine hohe Machtstellung einnimmt, also etwa Ministerpräsident, Kanzler, Oppositionsführer oder Minister, sondern die Parteispitze, verkörpert durch das Democratic National Committee (DNC), ist rein organisatorisch tätig, ohne Weisungsrecht gegenüber den Mandatsträgern. Die Personen in der Parteiführung, wie der aktuelle Chair Ken Martin und Vice Chairs wie Jane Kleeb oder Malcolm Kenyatta, haben keine gewählten politischen Mandate inne, sondern wurden eher aufgrund organisatorischer Geschicklichkeit und des Strebens nach politischer Macht ausgewählt, was sie zu Koordinatoren macht, nicht zu Direktoren. Das DNC organisiert Conventions, Fundraising und Voter-Mobilisierung, aber es kann weder Kongressmitgliedern noch Gouverneuren vorschreiben, wie sie abstimmen oder handeln sollen; die wahre Macht liegt bei den autonomen State Parties und prominenten Amtsträgern.

Deshalb können die Demokraten nicht top-down reformiert werden, so wie dies in den großen europäischen Parteien der Fall sein kann, etwa indem ein Führungswechsel gleichzeitig mit einem Politikwechsel einhergeht. In den USA, und insbesondere bei den Demokraten, muss ein parteilicher Reformprozess ausschließlich bottom-up erfolgen, also zentral durch führende Politiker in den Bundesstaaten vorangetrieben, aber eben auch durch die Vielzahl der formalen Bestätigungen durch die Wähler, wodurch dies ein langsamer, langwieriger und lang andauernder Prozess ist.

Aus demokratietheoretischer Sicht bietet dieses Verfahren Vorteile, da es eine breitere Basisbeteiligung ermöglicht, im Vergleich zu Parteisystemen in Europa, die häufig von Gremien dominiert werden, etwa die CDU mit ihrem Präsidium, wo sehr wenige Funktionäre, bei der CDU etwa 80 Personen, über die Richtung einer Partei entscheiden und der Wähler hier keinen direkten Einfluss hat, während in den USA eben durch die Vorwahlen, die gerade anlaufen, für jeden einzelnen Kandidaten, sei es zum Senat, zum Repräsentantenhaus oder zum Gouverneur, von der Parteibasis entschieden wird.

Kritisch ist jedoch, dass – bezugnehmend auf die im Kapitel zur strategischen Ausgangssituation genannten Faktoren – etwa Medien, externe Organisationen oder insbesondere auch Megaspender hier einen Einfluss ausüben in der Realität, der diesen eigentlich systemischen Vorteil, den das US-System, und hier das der Demokraten, bietet, wenn nicht missbraucht, dann zumindest erheblich relativiert.

Handlungsoptionen der Demokraten: Zwischen kurzfristiger Stabilisierung und mittelfristiger Neupositionierung.

Kurzfristig: Bis zu den Wahlen am 3. November 2026.

Kurzfristig müssen sich die Handlungsoptionen vorrangig auf einen Personalauswahlprozess im Rahmen der Vorwahlen beschränken. Eine programmatische Neuausrichtung kann eher dezentral, also in den Bundesstaaten, erfolgen und ist vorrangig in den Swing States notwendig, weil in den anderen Staaten eine programmatische Neuausrichtung nicht zu einer Machtverschiebung führen würde. Hier kann das DNC zwar ein Platform Committee einberufen, das Vorschläge für eine programmatische Neuausrichtung bearbeitet, dies passiert jedoch nur alle vier Jahre im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl und kann nicht vom DNC angeordnet oder initiiert werden – das Committee tagt typischerweise ab Frühjahr des Wahljahres (2028: ab März), mit ersten Ergebnissen im Sommer (Juli/August), was für die Wahlen am 3. November 2026 keine wesentlichen Effekte zeigen wird oder gar keine.

Daraus ergibt sich, dass bereits heute, also vor Beginn der eigentlichen Vorwahlen, und sobald diese beginnen, sich dies natürlich noch verstärken wird, Verdrängungseffekte der etablierten Parteiebene identifizierbar sind, es also einen Trend gibt, besonders progressive Kandidaten, insbesondere in den Swing States, möglichst zu verhindern.

Beispiele: Im Senat wird Bob Casey (Pennsylvania) von progressiven Herausforderern wie John Fetterman-Verbündeten bedrängt; im Repräsentantenhaus fordert Henry Cuellar (Texas) progressive Rivalen wie Jessica Cisneros heraus; auf Gouverneur-Ebene wird Gretchen Whitmer (Michigan) von progressiven Kritikern wie Abdul El-Sayed angegriffen – wie 2022 in Pennsylvania mit John Fetterman, der trotz progressiver Basis moderate Töne zu Kriminalität und Wirtschaft anschlug und knapp gewann.

Bis dato halten sich Medien wie MSNBC und CNN vergleichsweise zurück, und Megaspender wie George Soros engagieren sich allenfalls indirekt, doch dies wird an Dramatik enorm zunehmen in den nächsten Wochen, und in den Rahmen dieser Artikelserie wird hierzu auch jeweils über die spannendsten Ereignisse berichtet werden.

Interessant ist an dieser Stelle auch, dass Themen, die die Diskussion insbesondere in sozialen Medien dominieren, etwa die Diskussion um die Epstein Files oder den möglichen Wahlbetrug im Jahr 2020, bei den Wählern insgesamt keine dominante Rolle spielen. Beide genannten Themen liegen selten in den Top Ten der als entscheidend eingestuften Faktoren wie Wirtschaft oder Sicherheit. Das könnte sich gegebenenfalls ändern, falls weitere Dokumente zum Epstein Fall bekannt werden, die dann erstmals bisher nicht belastete Personen aus der politischen Szene mit justiziablen Fakten konfrontieren oder falls die Untersuchung, die gegenwärtig durch das FBI zu möglichen Wahlmanipulationen im Fulton County durchgeführt wird, doch noch justiziable Ergebnisse mit sich bringen. Aber beide Themen stärker das republikanische Lager beschäftigen und die demokratischen Wähler diese eher noch weniger priorisieren.

Kurzfristig geht es um Personal, nicht um Programm.

Mittelfristig: Bis zu den Präsidentschaftswahlen 2028.

Mittelfristig besteht die Kernherausforderung in der Partei darin, ein ausgewogenes Maß zu finden zwischen dem progressiven Flügel und dem moderaten Flügel. Die Numerik nahelegt, sich stärker auf moderate Inhalte zu konzentrieren, da Umfragen (Third Way 2025) zeigen, dass 43 % der Moderaten bereit sind abzuwandern oder nicht zu wählen, im Vergleich zu 29 % bei Progressiven.

Third Way schätzt in Analysen von 2025, dass eine klare Fokussierung auf Wirtschaft und Sicherheit in Swing States 4–6 Prozentpunkte zusätzliche Stimmen bringen könnte. Für Swing States bedeutet das, dass die Demokraten etwa 2–3 Millionen zusätzliche Stimmen (basierend auf 2024-Umfragen von Pew, z. B. +5 % in Pennsylvania, Michigan, Wisconsin) gewinnen müssen, um 2028 zu siegen – erreichbar nur durch Priorisierung von Werten wie öffentliche Sicherheit, Grenzsicherung, Reduzierung unkontrollierter Einwanderung und Fokussierung auf wirtschaftliche Themen wie geringere Kosten für den Lebensunterhalt.

Im Gegensatz dazu priorisiert der progressive Flügel Themen wie Green New Deal und Defund the Police, was einen Balanceakt erfordert: Bei jeder Profil-Schärfung Richtung Moderate könnte der Wähler das Original (Republikaner) wählen.

Von einigen politischen Beobachtern wird auch eine Art Doppelstrategie der Demokraten für möglich gehalten, insofern als dass man den abwanderungsbereiten Teil der Moderaten von einem Parteiwechsel abhalten will und auch die Parteibasis insgesamt stärker mobilisieren will, indem man nach der Wahl am 3. November beziehungsweise im Januar, wenn die neuen Mandatsträger einziehen, ein neues Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump initiiert. Dies hat zwar so gut wie keine Chance aufgrund der Machtverhältnisse im Senat, gewährleistet aber eine große Medienaufmerksamkeit, die durch eine weitere negative Darstellung von Donald Trump zu einer stärkeren Mobilisierung der Wähler führen könnte.

Symbolpolitik versus Substanz: Neben solchen symbolischen Maßnahmen bleibt die zentrale Herausforderung jedoch die programmatische Neuausrichtung. Durch die zu lange Fokussierung auf Joe Biden, der altersmäßig keine Zukunftsfigur sein konnte, wurde es versäumt, charismatische Repräsentanten systematisch aufzubauen, ja, diese sogar aktiv behindert, weil Herausforderer in den Vorwahlen für Biden möglichst verhindert werden sollten.

Der Einfluss von Medien und externen Einflüssen wie Megaspendern widerspiegelt sich darin, dass bei den Top-10 möglichen Kandidaten der Demokraten zur Präsidentschaftswahl sich überwiegend progressive Vertreter wiederfinden, also etwa der kalifornische Gouverneur Newsom oder sogar Alexandria Ocasio-Cortez, was zwar auf ein frühes Agenda-Setting der Progressiven hindeutet, aber natürlich aufgrund der aufgezeigten numerischen Verhältnisse aus machtpolitischen Gründen nur in einem Debakel bei der nächsten Präsidentschaftswahl münden kann.

Mögliche Kandidaten, die infrage kommen könnten, sind etwa der Gouverneur von Kentucky Andy Beshear, Gretchen Whitmer aus Michigan oder Josh Shapiro aus Pennsylvania. Falls der Leser einige oder keine dieser Personen kennt, unterscheidet es ihn nicht von dem durchschnittlichen US-Amerikaner und unterstreicht letztlich nur, dass die Partei vollständig versagt hat, ihr Personal zukunftsfähig aufzustellen.

Dennoch ist die Partei eine Machtmaschine, die bestens vernetzt ist mit Stars und Sternchen etwa aus der Unterhaltungsbranche, und hier werden spannende Aktivitäten zu beobachten sein, wie man heute eher noch wenig bekannte Personen innerhalb kurzer Zeit nach allen Regeln der Kunst als Messias, als Heilsbringer, als neuen Kennedy positionieren kann. Scheitern, Kamala Harris als intellektuell-souveräne Staatenlenkerin zu präsentieren, wird den Parteistrategen eine Lehre sein.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Partei diesen schwierigen Weg tatsächlich einschlägt. Letztlich wird der kalte Machtkalkül der Partei diesen Wettstreit um mehr Wähler dominieren, also diejenigen, die austarieren, auf welchem Flügel mit welcher Politik-Ausrichtung mehr gewonnen werden kann als am anderen verloren geht, oder ob es die Marketing-Spezialisten sein werden, die mit höchstem medialen Aufwand an der Positionierung von Personen arbeiten. Show allein reicht jedoch nicht; die Programmatik muss die Basis einer Partei sein, wenn sie als Machtapparat wirken will.

Mittelfristig entscheidet sich alles an der Balance zwischen Ideologie und Macht.



Wer gerne mehr von Politikwissenschaftler Balder Gullveig lesen oder sich mit ihm austauschen möchte, findet ihn auf der Social-Media-Plattform X (vormals Twitter): @BalderGullveig

Weitere Interviews mit und Kommentare und Artikel von @BalderGullveig finden Sie hier:

Die Midterm-Wahlen 2026 in den USA. Wendepunkt für die Demokraten. Artikel, 12. Februar 2026.
Nach dem Gipfel – Teil 6: Symbolik über Substanz. Analyse des EU-Gipfelbeschlusses und seiner Folgen. Artikel, 19. Dezember 2025.
Vor dem Gipfel – Teil 5: Der EU-Notfalltrick im Ukraine Kontext. Die verborgenen Folgen für Demokratie und Haushalt. Artikel, 14. Dezember 2025.
Die Ukraine-Krise als Vehikel für föderale Transformation. Überlegungen zur Agenda der EU-Kommission. Artikel, 12. Dezember 2025.
Die demokratisch nicht legitimierte Machtverschiebung in der EU. Artikel, 8. Dezember 2025.
Update: Krisengespräch in Brüssel. Gemeinsame Haftung besiegelt. Artikel, 6. Dezember 2025.
Die EU und das Reparationsdarlehen an die Ukraine. Artikel, 4. Dezember 2025.
Die Scharia in Österreich oder die unrühmliche Rolle des ÖVP-Langzeitfunktionärs Juraczka. Kommentar, 19. August 2025.
Trump, Putin und die Ukraine. Der Alaska-Gipfel. Artikel, 14. August 2025.
Der verschenkte Richtersitz. Interview, 9. Juli 2025.
Von der Leyen und ihr ominöser „Plan für die Wiederaufrüstung Europas.“ Interview, 12.März 2025.
Das Migrationsabkommen mit Kenia – eine Einordnung. Kommentar, 15. September 2024.
USA. Eine Woche vor der Wahl. Interview, 28. Oktober 2024.
USA: TV-Duell Harris vs. Trump. Es bleibt spannend. Schnellanalyse, 11. September 2024.
Ein Wahlkompass – Prost, alte Volkspartei. Interview. 28. August 2024.
Ein Wahlkompass. Warum die ÖVP tendenziell benachteiligt wird. Interview, 25. August 2024.
USA. Robert F. Kennedy Jr. steigt aus. Was bedeutet das? Schnellanalyse, 22. August 2024.
Wir korrigieren den ehemaligen Nationalrat (Grüne) Harald Walser am 17. August 2024.
Joe Biden verzichtet. Wie geht es weiter? Schnellanalyse, 21. Juli 2024.
The candidacy of Joe Biden – it is all over now. Quickcheck, july 21st, 2024.
Die Kandidatur von Joe Biden. Es ist vorbei. Schnellanalyse, 6. Juli 2024.
Neueste Entwicklungen zur Präsidentschaftswahl in den USA. Interview, 21. Juni 2024.
Das Renaturierungsgesetz. Interview, 16. Juni 2024.
Die US-Präsidentschaftswahlen. Interview, 8. April 2024.
Die Werteunion – ein politischer Faktor in Deutschland? Interview, 22. Februar 2024.
Die AfD – ein Kandidat für ein Parteiverbot? Interview, 29. Februar 2024.


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